Post by (schmuck) Apr 2012
Stuttgart - Sie kamen über das Meer, und die Besiedelung eines ihnen unbekannten Landes weitab von der wohl eigentlichen Heimat Polynesien geriet zur von Mythen durchdrungenen Aneignung eines von den europäischen Eroberern spät entdeckten und eher zurückhaltend beanspruchten Kontinentes.
Ein Grollen empfängt die Besucher, Trommeln werden geschlagen, die Ahnung eines für die Identität der Maori so wichtigen Tanzes wird geweckt. Kraftstrotzend und stolz, so steht ein Maori in einer mit reichlich Theatermusik unterlegten Filmszene an einem Strand in Neuseeland. Dann doch die Trommler, die Tänzer.
Kritische Beleuchtung findet nicht statt
565 000 Neuseeländer, 15 Prozent der Bevölkerung, identifizieren sich selbst als Maori, die Zahl jener, die teilweise Maori-Vorfahren haben, liegt wohl noch um 100 000 höher. Um 800 nach Christus sollen die Maori zu einer langen Reise über das Meer aufgebrochen sein – von Polynesien aus, selbst erst kurze Zeit besiedelt. Ob dies wirklich so war, suchen Forscher unterschiedlichster Fachbereiche seit dem späten 18. Jahrhundert zu ergründen. Naturwissenschaftlich aber liest sich die Besiedelung der beiden Inseln weit weniger spektakulär, als es die Untersuchungen von Anthropologen, Linguisten und Archäologen vermuten ließen. Als sicheres Indiz einer menschlichen Neuansiedlung in bisher unbekanntem Gebiet gilt die Existenz der Wanderratte – und deren Auftauchen in Neuseeland wird nach aktuellen Forschungen auf die Zeit um 1200 datiert.
Wie also ist es möglich, dass die Maori ihr Leben so stark auf einen ganz eigenen Weltenmythos gründen, in dem sich die Götter-Kinder von Rangi und Papa aus der verdunkelnden Dauerumarmung der ewig Liebenden befreiten, um zwischen Himmel (Ranginue) und Erde (Papatuanuki) eine in allen Dingen beseelte Welt zu gestalten? Die Antwort ist in der Reise selbst zu suchen. Doch auch hier liegt der bis heute wesentliche Bezugspunkt der Maori überraschend spät. Sieben Kanus sollen im Zug der mündlich überlieferten „Großen Reise“ um 1350 die neue Heimat erreicht haben – bis heute leiten viele Familien ihre Herkunftslinie von jenen Bootsbesatzungen ab.
Stoff genug also schon bisher für eine diskussionsfreudige Ausstellung, in der gerade auch die Reise selbst ein Thema sein kann. Die hohen Erwartungen aber lösen sich im Linden-Museum nicht ein. Wohl sind wichtige Beispiele für Schmuck und Waffen zu sehen, wohl wird in den Bootsbau und in die Bedeutung des Versammlungshauses eingeführt, und auch die Frage der Tätowierungen wird behandelt. Wirklich zusammengeführt und kritisch beleuchtet aber werden die Themenfäden nicht. Eben dies aber wäre Beleg für den Anspruch des unter Leitung von Ines de Castro zu neuer Blüte gelangten Linden-Museums, die Entwicklung von einem Völkerkundemuseum klassischer Prägung hin zu einem diskursiven Museum der Kulturen der Welt weiter voranzutreiben.
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